Der Islam – Eine Religion des Friedens?

Das klassische Sendungsverständnis des Islam
und der moderne Islamismus

Einleitendes Kurzreferat von Dr. Hans-Peter Raddatz, April 2002

Zum ursprünglichen Islam. Im Zentrum steht Mohammed: als “Prophet”, Feldherr und Gründer einer Religionsgemeinschaft – parallel zueinander. Die Reihenfolge wurde bestimmt durch die Stärke der Gemeinschaft. Die mekkanische Phase war eine Phase der Schwäche: Mohammed wies seine Gemeinschaft an, sich den Herrschenden zu beugen. Dann schrittweise Wanderung nach Medina; “Medina” dabei als ein Prozeß zu verstehen. Die, die mit ihm von Mekka auszogen, propagierten die Idee des Islam. Diese war geprägt durch eine neue Gottesvorstellung. In der ‘Hedschra‘ (dem Auszug) wurde die Rechenschaft gegenüber Allah betont (Mohammed handelte kaum aus reinen Emotionen heraus; vielmehr plante er ganz genau). In Medina kam es zum Ausbau der Machtfülle. Wachsende Stärke hier der islamischen Religion; – den Menschen der Umgebung erschien die neue Religion attraktiv – ; und allmählich propagierte Mohammed – nach der ‘Hedschra’ also – auch Gewalt: Er gab seinen Anhängern die Erlaubnis zum Kämpfen, weil ihnen vorher, in Mekka, Unrecht widerfahren sei.

Die nächste Stufe dann Mohammeds Aufruf: “Bekämpft sie!” – auch die Schriftbesitzer nämlich. Hier der Ansatz bereits zur Weltherrschaft. Die dem folgende Steigerung: “Tötet sie!” Dabei finden wir immer wieder den Hinweis auf die Versuchung und Verführung – weg vom Glauben.

Zu Toleranzverständnis und Gewaltbereitschaft im Islam: Vorherrschend: ein Dualismus; das heißt: Der Moslem ist gehalten, seine Weltsicht immer aufzuteilen: Hier “Haus des Islam“, da “Ungläubige” im „Haus des Kampfes“. Diese wiederum sind aufgeteilt in: Schriftbesitzer (Juden und Christen) und Heiden bzw. Atheisten. Diese strenge Aufteilung aber nicht durchgeführt. So heute Berufung auf ‘Dhimma’ Schutzvertrag mit Juden und Christen, Toleranz bedeutend. Diese Toleranz ist aber im Islam nicht wirklich da. Denn immer neu vollzieht sich eine Abgrenzung des Islam. In ihm Ritenvollzug. Dieser ist in der Gemeinschaft des Islam, – wie es dort verstanden wird – , heilswirksam. Der Kampf gilt dem Unglauben. Entsprechend hat sich die Expansion des Islam abgespielt; sie vollzog sich unter Grausamkeiten gegenüber den Christen. Der Islam definiert sich wurzelhaft als Gewaltanwendung: gegen den “Unglauben”. Erst dann hört für die Muslime der Krieg auf, wenn der andere zum Islam übertritt.

Zum islamischen Gottesbild und theokratischen Charakter des Islam:

Der Islam ist eine monotheistische Religion, mit einer höchst autokratischen Sichtweise. Er vertritt eine wesentlich unzugängliche Gottesidee. Die Christen werden abgelehnt als “Schriftverfälscher”, vor allem im Blick auf die Trinität. “Das bedeutet: Ein Dialog ist nur möglich, indem ich auf den trinitarischen Gott verzichte; anders geht es nicht.”

Zur islamistischen Renaissance: Nun in die moderne Zeit hinüber. Die Begegnung mit dem Islam geschah in der Kolonisation und im Zuge der Entwicklung der Menschenrechte. Die Begegnung des Islam mit der westlichen Kultur ist heftig, weil es um das Zentrum der Begegnung: Mensch – Gott geht. Das einzige, was dabei bisher erreicht ist, ist die Renaissance der Gewalt. “Islamismus” meint: eine Rückbesinnung auf die Wurzeln des Islam. In den 30er Jahren gegründet: “Die Brüder der Muslime”. Heute wachsende islamische Gemeinschaft in Europa – mit den gleichen Kriterien (wie einst). Das Ziel ist also nicht die Integration (des Islam in die bestehende Gesellschaft), sondern frühere Ziele werden weiter festgehalten. Im Blick auf den 11. September vorigen Jahres: Weshalb hat der (christlich-islamische) Dialog dies(es Ereignis) nicht verhindert? Im Islam wird der Dialog von Muslimen mit Christen gesehen als Abfall vom Islam.

Ab 14.40: Rundgespräch über das zweite theologische Thema unserer Beratungen.

Zur Reaktion auf das New Yorker Attentat vergangenen Jahres. Prof. Beyerhaus: Eine gespaltene Reaktion. Nach dem 11. September eine Polarisierung gegenüber dem Islam: Die einen sehen in dem Terroranschlag eine logische Konsequenz aus dem ursprünglichen Jihad-Gedanken, die anderen stellen den Jihadismus als Perversion des wahren, friedliebenden Islam dar . Dr. Raddatz: Offizielle Islam-Vertreter verurteilten das Attentat nicht; so auch nicht der Zentralrat der Muslime. Erst recht nicht in den einzelnen Ländern. Vielmehr gab es Jubelszenen. Auch in Deutschland wurde das Attentat unter den Muslimen mit Jubel aufgenommen. Nur eine Minderheit verurteilte es. Erläuternd: Im Islam wird die ‘Jihad’ auch nach innen geführt! Die Faszination der Gewalt ist ein Kennzeichen der islamischen Mentalität. So: Endlose Machtkämpfe im Islam. Zentraler Gesichtspunkt dort: Wir haben es im Islam mit etwas zu tun, das das Opfer nicht kennt (das Opfer, das in Jesus kulminiert).

Zur Orientalistik (Dr. Raddatz ist Orientalist) und zur neuen muslimischen Charta. Doppelfrage von Pfr. Troeger an Dr. Raddatz: Wie beurteilen Sie die Situation der westlichen Orientalistik? Ist man noch frei, wie der Islam zu beurteilen sei? Und: Wie beurteilen Sie die neue muslimische Charta mit ihrem Eintreten für Freiheit des Religionswechsels? Dr. Raddatz: Die Orientalisten sind nicht mehr unbefangen, über den Islam zu berichten. Ähnlich wie im II. Vatikanum: Es kam hier zur kritischen Selbstbetrachtung. Die Orientalistik kann nicht mehr objektiv forschen. Sie greift sich Aspekte (des Islam) heraus, – Aspekte, so entfernt wie möglich; Beispiel: Die Frage, – was oft gesagt wird -, ob der Islam nicht monolithisch sei. Dr. Raddatz’ Auffassung: Man müßte zurückgreifen auf Islam-Forscher vor dem Krieg (wie z.B. Goldziher), die Grundlagenarbeit leisteten, wo heute dafür nur Einzelaspekte herausgegriffen. So: Desolater Zustand der Orientalistik. – Zur Charta: Das ist (einzuordnen als) ‘Takija‘, das heißt: “Heuchelei”, eine Verstellung, eine Art taktische Täuschung. Der Punkt der Religionsfreiheit ist ja ganz zentral. Aber: “Religionsfreiheit im Islam” würde bedeuten: „Den Islam gibt es nicht mehr”. Die Charta so zu deuten (bei Podiumsgespräch so gedeutet worden): Islamische „Toleranz” heißt: Wer im Islam lebt, der hat keinen Zwang zu befürchten. Freiheit nur zum Eintritt i n den Islam, nicht aus ihm heraus! Fragwürdige Formulierung der Charta…

Zur Frage des “Selbstmords” im Islam. Dekan Sauerzapf fragt: 1. Welche Rolle spielt der Selbstmord im Islam? 2. Ist es richtig, daß in der Türkei Frauen, die das Kopftuch nicht tragen, nicht diskriminiert werden dürfen? Dr. Raddatz: ad 2: Das Kopftuch als Zeichen der Islamisten ist in der Türkei sogar verboten. – ad 1:Selbstmord aus persönlichen Gründen wird im Islam verurteilt. Aus religiösen Gründen zu sterben, nämlich im Kampf “auf dem Wege Allahs”, wird als gut angesehen. Davon spricht eine Ergänzung zum Koran. Ungeheure Verdienstlichkeit des Todes im Kampf um Allah! Prof. Beyerhaus: Läßt sich nachweisen, daß paradiesbezogene Gründe bei Selbstmordattentätern vorherrschend? oder andere, wie soziale? Dr. Raddatz: Unterschiedlichste Spielarten bei denen, die sich “auf den Weg Allahs” begeben. Man nimmt aber nicht jeden willigen “Selbstmörder”, sondern man sucht den idealen, der auch genau weiß, was er tut, und entsprechend ausgebildet wird. Also Selektion.

Weiter zu dem Attentat auf das World Trade Center. Pfr. Dr. Cochlovius: Frage nach den Attentätern vom 11. September 2001: In der “Frankfurter Allgemeinen” wurde ein “Testament” von einem der Attentäter veröffentlicht. Warum gibt er darin Anweisungen für seine Beerdigung? Und warum bittet er um Gebet: Daß man für ihn bete, daß er ins Paradies komme? Dr. Raddatz: Dieser Widerspruch ist rätselhaft. Das Attentat ist noch nicht aufgearbeitet. Pastor Dr. Lubahn: Gibt es eine Minorität solcher, die das Attentat verurteilten? Dr. Raddatz: Ja, das sind Intellektuelle, die allerdings keine “Stimme” haben. Sie versuchen, innerhalb des Islam Freiheit zu schaffen. Prof. Matzken: Haben die Christen in islamischen Ländern eine Stimme? Dr. Raddatz: Nein.

Zum christlichen Verhalten gegenüber der Moslemwelt. Pfr. Troeger: Welche Möglichkeiten haben wir,

der Täuschung durch die islamistischen Vertreter zu begegnen? Bücher schreiben? Journalisten beeinflussen? Dr. Raddatz: Wir haben Kritik an unserem Dialog zu üben; dies der Ansatz! Im Dialog zu realistischeren Sichtweisen kommen! Oft haben Dialogvertreter eine Fiktion mit einem Feindbild; dies der Anfang einer totalitären Ideologie. “Dialogisten” nenne er sie. Sie vertreten eine fiktive Toleranzidee. Seine Bezeichnung für sie: “Chrislamisten”. Man sollte solche fragen: Was habt ihr denn (mit eurem Dialog) erreicht?

Zum Toleranzgedanken im Blick auf den Islam. Prof. Beyerhaus: Zwei Fragen im Zusammenhang des im “Schwäbischen Tagblatt” erschienenen Interviews mit ihm. Der Interviewer wollte ihn zwingen, zu unterscheiden zwischen Extremisten und tolerantem Islam, was er unter Hinweis auf Mohammeds eigene Gewaltanwendung ablehnte.. Später erschien eine Gegendarstellung: Interview mit Tübinger Islamwissenschaftler Prof. Bernburg (Einwurf von Frau Raddatz: Das machen die immer so). Erste Frage: Warum so ein ausgleichendes Presseverhalten? Wer sind die Kräfte hinter diesem Verhalten, daß der Islam so gesehen wird, als friedliebend? Dr. Raddatz: Das ist eine Art Metapolitik, die nicht mehr auf e i n e Partei zurückzuführen ist. Die Kräfte: Siehe die Reaktionen auf das Attentat vom 11. September: Bischof Lehmann, Otto Schily, Präsident Rau, Bundeskanzler Schröder, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden Spiegel und andere: Alle äußerten sie sich hintereinander, aber unabhängig voneinander in Einheitlichkeit. Es geht im wesentlichen darum, die Vernetzung der amerikanischen Geopolitik und den Migrations-Prozeß zu verknüpfen. Solange die U.S.A. Ölinteressen haben, werden sie die islamische Expansion hier im Westen nicht verhindern. Man hat kein Konzept und überläßt es den Muslimen selbst, sich zu äußern. Die Kräfte: Übergeordnete Politnormen, die überwiegend von Amerika geschaffen werden, – Metapolitik. Und dies auf dem Rücken der deutschen Steuerzahler. Wo ansetzen? In der Politik anmahnen: Wir wollen echte Information! Prof. Beyerhaus: Hier auch Christenhaß dahinter? Daß man sich auf die andere (= moslemische) Seite stellt? Frau Raddatz: Ja. Christen verleugnen ihren Glauben (Beispiel: Bischöfin Jepsen, die auf die in Hamburg etablierte muslimische „Shura” als Beweis für demokratisches Verhalten hinwies). Dr. Raddatz: Automatenhaftes Verhalten, wo nicht reflektiert wird. Aber: Je länger das Nachdenken über den Islam, um so mehr kommt es zum Konflikt. – Zwischeninformation von Dr. Raddatz: Zur ‘Shura‘: Das heißt: ‘Rat’, aber – aus der vorislamischen Zeit – : die Stammesberatung, wo j e d e r zum Herrscher gehen kann (Bemerkung: Sie hätten lange in Saudi-Arabien gelebt). Das wird nun bezeichnet als “vordemokratisch”. Das Wort ‘Shura’ wird heute inflationär.

Zum Verständnis der ‘Jihad’ – hierzu die zweite Frage von Prof. Beyerhaus: Hat der moderne Islamismus einen Hauptgegner? Geht es bei ihm wesentlich um einen sozialpolitischen Kampf? Könnte es Israel sein? Was ist die zentrale religiöse Komponente (des Kampfes)? Dr. Raddatz: Die ‘Jihad’ ist die zweite “Seite der Medaille”; die erste ist die persönliche Glaubensseite. Dann : Die endzeitliche Komponente der ‘Jihad’: Es geht hier um ein System, die Kontrolle des einzelnen. Das Gegenüber ist “Unglaube” jeder Art, ob von Christen oder Hedonisten – oder Atheisten. Alle haben den Makel: Sie sind nicht islamisch. Das ist auf die Endzeit gerichtet: Die ‘Jihad’ hört erst mit dem Jüngsten Gericht auf. Sie ist eine Lebensform. Priorität hat im Islam: die Machtentwicklung, die Macht zu ordnen. Sekundär ist dies identifiziert mit ‘Islam’: mit “Allahs Willen”. So bei den Islamisten: Machtstreben das erst: Die Hauptstoßrichtung ist (dabei) die eigene Regierung, nicht zuerst der Westen. Die “Moslembrüder”. ein Megasystem, übergreifend. So haben wir die verschiedenen Ebenen des Islamismus zu sehen. Unter seinen Aufgaben nach innen ist ein die Stärkung der Muslime in der Diaspora; damit ist die Stoßrichtung nach Europa gegeben. Je stärker die islamische Gemeinschaft in Europa ist, desto heilswirksamer ist (vorgeblich) der Islam. Die andere interne Richtung: Die Orthodoxie des Islam aufrecht zu erhalten.

Die ‘Jihad’ kennt drei Stufen: Die erste Stufe ist die “Stufe des Herzens”: mit Täuschen des anderen. Die zweite Stufe ist die “Stufe des Wortes”: Publikationen, Propaganda. Hier eine Parallelität feststellbar zwischen “Moslembrüdern” und Kommunisten: in der Art und Weise der Propaganda. Zellenbildung unabhängig voneinander, zentral von Saudi-Arabien gesteuert. Die dritte Stufe der ‘Jihad’: die der Tat. Sie beginnt mit der Aufforderung zum “Glauben”; das ist eine Zwangsmaßnahme, unter Bedrohung geschehend (‘Dawha‘).

Zur Gestalt Abrahams im Konzept der “Ökumene der drei monotheistischen Religionen”.Dr. Raddatz: “Was der gute Abraham doch bemüht worden ist…!” Abraham bekam im Islam erst Bedeutung, als Mohammed erkannte, daß er mit den Juden nicht in Kontakt kommen konnte. Auf einmal nahm er (daraufhin) Abraham exklusiv in Anspruch für den Islam, änderte auch die Gebetsrichtung von: nach Jerusalem zu: nach Mekka. Hundert Jahre vorher gab es bereits die ‘Hannifen’, – das waren weder Juden noch Christen, die einen Monotheismus vertraten. Abraham herzuzuziehen, war so rein politisch motiviert, nicht religiös. Dann behauptete er, Abraham habe Ismael geopfert; dann: Abraham habe die Kaaba miterbaut.

Zum Islam überhaupt und dem Dialog mit ihm. Dr. Raddatz: Der Islam ist ein dynamisches System – im Zusammenwirken mit dem Dialog. Und zwar wird ein Dynamik-Sog erzeugt, wo Christen auf eine absolute Wahrheit verzichten, aber auf der anderen Seite eine Wahrheit als absolut annehmen. Die Entwicklung geht dann zwangsläufig zur zweiten “Wahrheit” hinüber. Prof. Volkmann: Frage zur Parallelsetzung von Islam und Kommunismus: Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, daß eine islamische Machtergreifung stattfindet in unseren – ehemals kommunistisch beeinflußten – Ländern, wie Italien etc.? Auch: Bevölkerungswachstumsfaktor einzurechnen! Dr. Raddatz: Wahrscheinlich, daß Machtergreifung kommt. Aber: Trends gehen nicht endlos! Es kommen immer neue Faktoren. Je stärker die Expansion bei gleichbleibenden Randbedingungen wird, desto mehr Gegenströmungen kommen in der Bevölkerung auch. Die offiziellen Islamvereine sind (freilich) alles Islamisten. “Christen” wollen hier ihren Glauben bereichern, durch islamische Elemente. Und: Es geschieht schon jetzt eine Anpassung an die vielleicht künftigen islamischen Machthaber. Im politischen Bereich: Das Motiv hinter Handeln Angst.